Wir machen eine (Welt)reise.

Samstag, 1. Juni 2019. Wir sitzen in einem afrikanischem Restaurant in Holland und essen portugiesisches Hühnchen. Trinken Wein. Reden und lachen und dann fällt er mir wieder ein, mein Traum der letzten Nacht:

Wir haben einfach so eine Auszeit genommen. Wie man das heute so macht, in der Elternzeit. Kinder einpacken und losfahren. Zeit haben, in den Tag reinleben. Fremde Städte sehen, neue Dinge lernen. Essen, wenn man hungrig ist, schlafen, wenn man müde ist und wach werden, wenn man ausgeschlafen hat. Einfach ohne Verpflichtung sein. Zeit haben. Keine Termine. Kein Druck. Keine Uhr. Nur dieses Gefühl von Ferien, Urlaub und Sommersonne.

Ich fände es so toll für den Kleinen, wenn er mal einfach so rumtrödeln könnte. Sich in Dingen verzetteln kann. Die Dinge lernen kann, wenn sie „da“ sind und nicht weil es jetzt der nächste Entwicklungsschritt ist. Oder weil man das mit vier Jahren langsam können muss. Und ich hätte gerne die Zeit, um ihn das auch tuen tu lassen.

Unsere Welt ist anders

In unserer Welt, da klappt vieles nicht, alles entwickelt sich anders. Wir haben vor über einem Jahr zum Beispiel, angefangen damit, dass der Kleine lernen soll, sich selber an- und auszuziehen. Sehr mässiger Erfolg. Wie in vielen, ja sehr vielen Dingen, habe ich auch hier das Gefühl, der mässige Erfolg liegt nicht an körperlichen oder geistigen Handicaps. Der liegt eher daran, dass der Kleine die Notwendigkeit dies jetzt zu können nicht sieht. Für ihn ist es so, wie es ist, fein. Jetzt, nach über einem Jahr, ist das Interesse sich alleine anzuziehen da. Der Wunsch zu entscheiden, was er anziehen möchte auch. Es ist, als wäre eine neue „Leitung“ gelegt worden, eine Strecke im Hirn weiter ausgebaut worden.

Wie gerne, würde ich einfach alles einmal hinter uns lassen und in den Tag reinleben. Frei von Terminen, Verpflichtungen und ohne schlechtes Gewissen dabei. Mich frei machen von all den Gedanken, um Förderung und Therapien, Anträgen und Verordnungen. Reicht das, was wir tuen wirklich aus? Gibt es noch eine Therapie, die wir probieren können, probieren müssen? Noch ein Test? Eine Untersuchung? Um alles getan zu haben? Für Ihn und seine Entwicklung? Oder fehlt ihm noch etwas?

Wir reden den ganzen Abend und „spinnen“ so rum. Was wäre wenn… und was ist es genau, was mir fehlt, wonach ich mich sehne. Es ist, als würde ich jetzt an einer Weggabelung stehen und hätte eine von den grossartigen Möglichkeit mich neu zu entscheiden. Der Sommer liegt vor uns. Wir haben nichts geplant. Aber wir müssen auch was arbeiten. Aber wir haben auch noch 4 andere Kinder. Aber der Kleine braucht auch seine Kita und seine Freunde da. Aber es wäre auch schön, diese Freiheit. Viel Aber.

Einfach hinter sich lassen

In den folgenden Tagen, geht mir die Sache nicht aus dem Kopf. Es geht offensichtlich um die Freiheit, die man ohne Therapien, Tests, Untersuchungen und Co hat. Natürlich sind 2x die Woche Fussball und Ballett oder schwimmen auch feste Termine. Aber diese Termine, macht man aus einem positivem Grund heraus. Weil man Spass daran hat, weil man gerne schwimmt, oder tanzt oder Fussball spielt.

Unsere Termine sind alle aus einem negativem Grund heraus. Egal wie gerne man zur Ergotherapie geht oder wie sehr der Kleine seine Physiotherapeutin liebt. Wir sind da, weil er nicht „ausreicht“, nicht altersentsprechend entwickelt ist. Aufholen muss. Es ist, als wenn man sich ständig selber hinterherläuft. Man macht und tut weil man muss. Es ist mehr Arbeit als Vergnügen, egal wie ich es für den Kleinen verpacke. Es sind und bleiben Pflichtveranstaltungen.
“ Ich will auch mal auf den Spielplatz“. Der Satz kommt immer häufiger, wenn wir im Auto zur Therapie fahren und an der Ampel neben dem Spielplatz halten müssen. “ Ich auch“.
Die reine Therapiezeit ist 45 min jeweils. Da ist ja wohl noch genug Platz für Spielplatz. könnte man meinen. Je nachdem, in welchen Stadtteil wir müssen, sind wir für eine Therapie gerne 2,5 Std unterwegs. Und Therapien sind anstrengend. Danach möchte man nur noch nach hause.

Einen Sommer lang

Manchmal muss man was ändern. Manchmal ist der Zeitpunkt einfach da und die Umstände passen gerade sehr gut. Und dann hab ich es einfach getan. Aus dem Bauch heraus entschieden, dass Kind an die Hand genommen und einen anderen Weg eingeschlagen. Ich habe das getan, was viele viele andere Mütter und Eltern den Kopf schütteln lassen wird. Was eine Menge Menschen unverantwortlich nennen werden:
Ich habe alle Therapien in die Ferien geschickt. Für eine ganzen, langen Sommer.

Wir machen keine Therapien mehr. Keine Tests. Nichts.
Wir reisen diesen Sommer in eine für uns neue Welt. Wir gehen einfach mal einen anderen Weg. Und ja, es fühlt sich grossartig an für mich. Es ist, als wenn eine Last von mir abgefallen ist. Noch nie waren wir wirklich so ungebunden, noch nie gehörte der Kleine wirklich nur mir, nur uns. Wir sind ja immer umgeben von Ärzten, Therapeuten, Anträgen und co. Natürlich nicht grundlos.
Aber diesen Sommer, in diesem einen Sommer, machen wir unsere eigene Reise, eine Reise in die normale Welt.

4 Kommentare zu „Wir machen eine (Welt)reise.

  1. Wunderbar! Ich wünsche euch einen wunderbaren Sommer!
    Ich habe die Erfahrung gemacht, das nichts lehrreicher ist, als pure Familienzeit unterwegs – sehr zu meiner eigenen Verwunderung. Wir sind 2x 2 Monate durch Neuseeland gereist: beim 1. Mal war unser Sohn 21 Monate alt – nach der Heimkehr konnte er zählen & sprach englisch (besser wie deutsch als er dann mit 3 in den Kiga kam). Wir bemerkten so seine Hochbegabung. Beim 2. Mal war er fast 5 Jahre alt – nach seiner Heimkehr konnte er lesen.
    Ganz ehrlich: Abseits der üblichen Pfade läuft es sich auch ganz gut.
    Liebe Grüße, Bettina

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  2. Manchmal ist Familie besser als alles andere auf der Welt. Ganz viel Mama und Papa und Zeit. Bitte hab kein schlechtes Gewissen (das blitzt so zwischendrin durch). Ich selbst habe mir nach dem Lesen gedacht: alles richtig gemacht! Dein Junge wird nach dem Sommer sicherlich viele neue Dinge gelernt haben und das so ganz nebenbei…und selbst wenn nicht. Er hat eine Familie die für ihn da ist und Menschen, die ihn lieben. Dieser ständige Druck aus der Gesellschaft oder auch von Ärzten, was ein Kind alles tun muss, können muss, leisten soll. Es ist nicht zum Aushalten, das alles in Normen gepresst ist. Jeder so, wie er kann. Alles ist gut und ihr werdet einen tollen Sommer haben. Ich wünsche es Dir!

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