Die Angst vor der Angst.

Hustenanfälle, Erkältungen, Hohes Fieber. Kurze Nächte, wach neben dem Kind, hysterisch messe ich im 5 Minuten Abstand die Temperatur.

Mein Ton ist rauh. Unfreundlich. Angespannt. Ich bin ungerecht, merke wie ich teilweise neben mir stehe und mich selber nicht erkenne. Mein Blutdruck ist viel zu hoch. Ich bin sauer, wütend und habe diese Angst, die mir die Kehle zuschnürt.

Dazu hämmert es in meinem Kopf. „Ich wusste es…. habe ich es nicht gestern schon gesagt…. der bekommt Fieber….wir müssen wieder in die Klinik. Warum denn immer, immer wir und immer wieder.“

Irgendwann ertrage ich niemanden mehr um uns herum. Lasse meinen Mann einfach hilflos in unserem Schlafzimmer zurück. Ich spüre seine Angst, seine Hilflosigkeit und genau das kann ich jetzt nicht abfangen. Ich kann nicht für dich da sein. Alle Kraft, alle Gedanken, alles in mir, ist bei dem Kind. Alles um mich herum schalte ich aus. Ich habe keinerlei Reserven, keine Energie und kann nichts mehr aufnehmen. Also stoße ich alles und jeden wütend von mir. Ich brauche Platz.

Ich liege im Kinderzimmer bei dem Kleinen. Atmen. Einatmen, ausatmen. Ich versuche mich zu beruhigen, einen klaren Kopf zu bekommen. Fieber messen. Die Atmung hören. Nicht googeln. Niiiicht googeln.

Die Temperatur sinkt. Er schläft. Schlafen lassen. Kurz die Augen schließen. Hoffen das es gleich besser ist.

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Vor diesen Tagen und Nächten, vor diesem Szenario habe ich Angst. Ich haben Angst vor genau dieser Angst. Ich hab Angst vor mir, vor meiner Ungeduld und Ungerechtigkeit… vor mir, wenn ich neben mir stehe und den Boden unter den Füßen verliere. Vor all den schlechten Eigenschaften, die diese Angst um dieses Kind mit sich bringt.

Diese ganzen negativen Gedanken, sobald die Nase läuft. Ein Schnupfen, einmal Husten und ich flippe aus. Meine Angst steht oftmals in keinerlei Verhältnis zu dem, was wirklich real ist.

Fünf Jahre lebe ich nun damit. Mit dieser Angst um dieses Kind. Weniger geworden ist sie nicht. Auch nicht viel anders. Ich reagiere auch immer noch genauso, wie vor fünf Jahren.

Und doch hat sich etwas verändert. Bis vor etwas mehr als einem Jahr, war die stationäre Aufnahme in die Klinik für mich ein Schritt zurück. Zurück auf Los. Zurück an den Ot, wo die Angst das erste Gefühl war, an das ich mich nach der Geburt des Kleinen erinnere.

Den Blickwinkel, die Einstellung dazu, musste ich für mich ändern. Ich musste lernen, dass diese Angst zu uns dazugehört. Ich kann sie nicht verdrängen oder ausschalten. Das zu erkennen war nicht leicht und ging auch nicht über Nacht, aber ich bin nicht alleine damit. Ich liege nicht mehr alleine im Kinderzimmer, Nacht für Nacht, Tag um Tag und habe diese Angst, die immer mehr wird.

Heute fahre ich in die Klinik. Sobald ich merke, ich brauche Hilfe, fahre ich. Hole mir Hilfe, kann meine Angst ein wenig abgeben in die Hände der Schwestern und Ärzte. Kann nachts klingeln und fragen… kann mich beruhigen lassen und ja, auch nach Hause schicken lassen. Ich muss das nicht alleine aushalten. Und das Wissen, da drüben, ein paar Kilometer weiter, da sind Menschen, die ihm helfen können und mir damit ein wenig Halt geben können, beruhigt mich. Und so arrangieren wir uns, die Angst und ich. Sieht aus, als wenn wir noch ne Weile miteinander auskommen werden.