Aus dem Wartezimmer

Ich habe in den letzten 5 Jahren sehr viel Zeit in Wartezimmern verbracht. Warten auf Untersuchungen, Gespräche oder während der laufenden Therapien. Daraus entstanden ist diese kleine Kolumne.
Ich lade euch auch hier ein, die Welt mit meinen Augen zu sehen,
teile mit euch meine Gedanken, Begegnungen und all die kleinen und grossen Geschichten aus den unterschiedlichsten Wartezimmern.
Ob alle Ereignisse und Begegnungen genauso passiert sind, tut übrigens
gar nichts zur Sache….

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Dienstag, 11:15
Das hier ist ein noch relativ neues Wartezimmer für mich. Wieder ist es kein abgeschlossener Raum. Ein Flur, an dessen Ende es eine kleine Gaderobe gibt, eine kleine Spielecke, etliche Flyer und Stühle für Kinder und Erwachsene. Übrigens die bequemsten Stühle innerhalb unserer Therapiewoche. Mit Kissen. Mein Po fühlt sich schon einmal gut aufgehoben.

Wir sind heute erst das vierte Mal hier. Es ist eine der Therapien, die sonst am Vormittag während der Kindergartenzeit stattgefunden hat.

Wie immer, der Kleine kommt gerne. Jacke aus, Schuhe aus, rein in den Therapieraum und nach einem kurzen Wortwechsel mit der Therapeutin ist die Türe zu. Ruhe. Ich bin alleine hier.

Ich höre Würfel fallen, er lacht und es geht ihm gut.

Links neben mir ist eine Tür, dahinter höre ich, wie geredet wird.
Eine der Stimmen gehört einer älteren Frau vermute ich. So maximal 1,70m gross. Graue Haare, ordentlich frisiert. Sehr leichtes Make-up. Ein wenig Lidschatten, Wimperntusche und einen Hauch von Lippenstift.

Schwarze, bequeme Hose, ein Shirt mit langem Arm und darüber eine leichte Strickjacke, wie meine Oma sie früher auch trug. Zeitloses Design nennt man das denke ich. Dazu flache, geschlossene Schuhe, rutschfeste Sohle. Dem Wetter entsprechend. Und natürlich in Schwarz. Vielleicht ein wenig gefüttert?

Am rechten Ringfinger auf jedenfalls einen Ehering und den Verlobungsring davor. Am linken Handgelenk eine sehr schmale goldene Uhr. Das Geschenk zur Silberhochzeit. Eine kleine goldene Kette mit Kreuz am Hals. Das Geschenk zur Kommunion vor vielen Jahren. Pfarrgemeinderat. Sie ist ganz sicher im Pfarrgemeinderat. Das Pfarrheim liegt direkt neben an.

Was genau besprochen wird, kann ich nicht verstehen. Es werden Stühle geschoben, Geschirr und Besteck klappern. Es wird auf jedenfall geräumt, gerückt und sortiert.
Vielleicht für einen Kaffeklatsch um 15Uhr? Vielleicht gibt es hier heute Nachmittag Kaffee und Kuchen für die Senioren der Gemeinde? Sofort habe ich das Bild eines Käsekuchens mit Mandarinen ( aus der Dose ) im Kopf. Und Apfelkuchen mit Riemchen.
Kennt ihr auch diese grossen Thermoskannen? Wahrscheinlich laufen schone die ersten Kannen Filterkaffee durch, die gleich schon einmal umgefüllt werden. Daneben noch eine Kanne mit heißem Wasser. Falls der Kaffee doch zu stark ist.
Ich habe Hunger und hätte gerne einen starken Kaffee.

Es wird ruhiger, man ist fertig soweit. Sie verabschiedet sich. Es ist jetzt 11.50 Uhr. Sie wird den Schal umlegen, die Jacke schließen und sich auf den Heimweg machen.
Zuhause hat ihr Ehemann schon den Endiviensalat in schmale Streifen geschnitten und gewaschen neben die Salatschüssel mit dem Dressing gestellt. Kartoffeln hat sie heute früh schon geschält, sie stehen bereits im Topf mit Wasser auf dem Herd. 11.55 Uhr. Er stellt sie jetzt an.
Den Rest wird sie selber erledigen, wenn sie nach Hause kommt. Sie wohnen nur 5 Minuten entfernt. Das Rad schiebt sie heute. Es hat plötzlich gehagelt und die Straßen sind rutschig. Mittagessen wie immer um 12.30h.
Nach dem Essen und dem Aufräumen der Küche wird sie eine frische Bluse anziehen, rosa Rouge auf die Wangen geben und den rostroten Lippenstift auftragen. Ihr Mann wird sie gleich mit dem Auto her fahren. Das Wetter ist so unbeständig.
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Man hört den Regen auf dem Dach. Sonst nichts. Nur Ruhe. Ich mache kurz die Augen zu. Die Kirchenglocken läuten. 12:00